Als wir im Sommer auf Mallorca waren, haben wir länger mit einer Maklerin gesprochen. Sie hat uns erzählt, wie viele wohlhabende Deutsche sich zig Anwesen auf Mallorca zeigen lassen. Sie träumen vom Auswandern oder einem zweiten Wohnsitz auf der Insel. Manchmal zieht sich dieses Window Shopping über Jahre, gekauft wird im Zweifel aber nicht.
Wie viele Menschen kennt ihr, die darüber reden, dass sie irgendwann einmal ein Café aufmachen wollen. Irgendwie kommt aber immer der sichere, gut bezahlte Nine-to-Five-Job dazwischen.

Auswanderpläne als Hopium in düsteren Zeiten?
Genauso wird es den meisten wahrscheinlich mit ihren Auswanderplänen gehen. Sie werden Hopium bleiben, die lässige Story an der Theke, nach dem vierten Bier.
Warum das so ist, darüber möchten wir in diesem Artikel nachdenken.
Wir Deutschen sind sehr bodenständig. Chronisch unzufrieden, aber bodenständig. Wenn es uns von den Medien und der Politik gut verkauft wird, können wir viel aushalten und erleiden. Wir bleiben, wo wir sind. Sprunghaftigkeit hingegen ist kulturell verpönt, Spontaneität und Unternehmergeist ebenso.
Eigentlich ist Auswandern kein Hexenwerk
Dabei wäre das Auswandern keine große Sache: Wir könnten von Köln nach Eupen in Belgien ziehen. Das ist eine Stunde mit dem Auto, man spricht dort sogar Deutsch. Ich habe einmal eine Frau kennengelernt, die dort gelebt und in Köln gearbeitet hat. Einfacher geht es kaum, trotzdem machen es nur sehr wenige.
Man könnte sich genauso gut auf einen Job in Indonesien oder Italien bewerben. Expat werden ist bei vielen internationalen Konzernen und selbst im Staatsdienst gerne gesehen und finanziell sehr attraktiv.
Wer Rentner oder Pensionär ist, könnte morgen seine sieben Sachen packen (Minimalismus ist in!) und nach Portugal ziehen. Wer in Deutschland keinen Studienplatz in Psychologie bekommt, kann in Salzburg ohne NC studieren. Wer nach dem Abi ein soziales Projekt machen möchte, kann das ohne Probleme in irgendeinem sonnigen Land machen.
Randnotiz: Ich habe damals meinen Ersatzdienst in einer Kirche in Manhattan gemacht. Sonnig war es dort zwar nur im Sommer, aber es war trotzdem mit die beste Zeit meines Lebens.
Die Tiefenkonditionierung ist wie eine elektronische Fußfessel
Es wäre also eigentlich ganz leicht, aber dann holt einen die Tiefenkonditionierung ein: Wie ist das Gesundheitssystem dort? Was ist mit meiner gesetzlichen Rente und meiner Krankenversicherung? Wie sind die Arbeitsbedingungen vor Ort?
Die Komfortzone des Wohlfahrtsstaats ist butterweich und gemütlich warm. Alle sind von der Bürokratie genervt, aber loslassen möchte auch keiner so ganz. Die Schule hat uns auf ein Hamsterrad im Heimatland vorbereitet, nicht auf Abenteuer in der großen weiten Welt.
Was am Ende fehlt ist dann wohl der Mut, ins Ungewisse auszuwandern. Der Mut, die goldenen Ketten zu sprengen und ins Abenteuer zu springen. Die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, wenn alle um einen herum Risiken vermeiden. Helikopter-Eltern, Helikopter-Staat, öffentlicher Dienst erzeugen eine Vollkasko-Mentalität, die schwer wieder abzulegen ist.
Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders: Der Sozialstaat kollabiert, die Gemütlichkeit löst sich damit in Luft auf und plötzlich wird das Auswandern zur besseren Option.
Wir werden sehen und diesen Artikel auf Wiedervorlage 2030 legen!
Was glaubt ihr, liegen wir falsch und es wird in den nächsten Jahren eine noch größere Auswanderwelle geben?
Ich glaube, dass Freunde und Familie, die man beim Auswandern zurücklassen und viel seltener sehen würde, sehr wichtig sind. Die Verbindung zu seinen Leuten, Gemeinschaft, Zugehörigkeit … ein emotionaler Faktor, den man nicht vorher recherchieren oder kalkulieren kann. Wie sich das anfühlt, merkt man erst, wenn man in der neuen Situation ist.
Das ist ein sehr guter Hinweis, Konstantin! Vielleicht auch einer der Gründe, aus denen wir das Teilzeitauswandern (noch) bevorzugen.
Wir leben das Beispiel, beruflich wie privat. Köln und Mallorca und ich kann nur jeden motivieren, diesen einen wichtigen Schritt zu gehen, wenn man das Verlangen nach Veränderung in sich spürt. Familie und Freunde bleiben, und die Zeit die man miteinander verbringt ist viel intensiver, als das tägliche Kaffee oder Bierchen trinken gehen. Politisch möchte ich nicht werden, könnte aber vieles aufzählen, was zumindest für eine Teilzeitauswanderung spricht:-)
Es gibt viele Beispiele wie man es leben kann, und wir merken jetzt, das unsere Kinder anfangen unser Muster auch zu leben und sich dafür begeistern.
Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Regina!
Man merkt, dass Du aus der Erfahrung sprichst. Schön zu lesen, dass eure Kinder auch Blut geleckt haben 🙂